Eingedenk

Die Knieprinzessin

Geschrieben am 10.07.2005, 13.35 Uhr
Kommentare:  4 | Tags: fastfood geschichte

Interphysische Manifestiation blaublütiger Schöngeister. Eine wahre Geschichte.

In diesen Tagen begleitete ich meinen Vater. Er war erkrankt und wir setzten uns gemeinsam in das Wartezimmer eines anthroposophischen Arztes. Umringt von Büchern und Gemälden von strukturierter Wachsmalkreide, Spendenaufrufen und Gentechnik-Illustrierten begab es sich so, dass ich schnell meiner Zerstreuung verlustig ging und selbige in innerer Einkehr suchte, begleitet von Gelüsten nach Fast-Food.

Plärrende Kinder am Nachbarstuhl, die sich ihrer Gefangenschaft im sich vorlesend äußernden Wohlwollen der Mutter voll bewusst waren, sowie drückende Wohlgerüche ätherischer Öle taten ihr übriges, als ich bemerkte, dass ich seltsam asymmetrisch saß. Das linke Bein lässig zur Raummitte gestreckt war mir eine wohl bekannte Haltung. Allein das rechte Bein war in einem mir bisher ungewohnten Winkel abgeknickt und stützte sich auf den leicht gespannten Fuß, dessen Ferse den Boden in elastischer Weise nicht zu berühren imstande schien. Und dann geschah es.

Zunächst unmerklich, aber dann immer rhytmischer begann der rechte Gehapparat sich in Bewegung zu versetzen und schien seiner Vitalität in immer heftiger werdenden Zuckungen Ausdruck verleihen zu wollen. Noch war dies normal, denn noch bemerkte nur ich die ungewohnte Bewegung. Auch nervöse Kleingeister von Wirtschaftswissenschaftlern pflegen bisweilen auf diese Weise mangelnde Bewegung nachzuholen oder Stress und Komplexe zu kompensieren.

Mein Zucken indes war anders und schon nach kontinuierlicher Steigerung zur doppelten Amplitude wie anfangs bemerkt errang mein Bein die Aufmerksamkeit der anderen Insassen des anthroposophischen Warteraumes ohne rechte Winkel. Anders als gleichaltrige oder anderweitig normale Menschen schienen die anwesenden Exemplare das Zucken wohlwollend ignorieren zu wollen. Vermutlich lächelten sie wissend, dass dies eine notwendige Reaktion auf eine kindliche Mutterproblematik sei, der an einer staatlichen Schule natürlich niemand Herr werden könne, in sich hinein. Das wusste ich und verabscheute sie dafür.

Denn ich wusste: die Sachlage war eine andere. Hinreichend benebelt von den eingangs erwähnten Wohlgerüchen und angestoßen von den ungläubig-irritierten Blicken meines Vaters suchte mein geplagtes Hirn nach einer Erklärung für dieses abnorme Verhalten. Im Raum wurde es stiller und man hörte mein Hirn beim Kreisen an inneren Unregelmäßigkeiten meines Schädels anecken. Das dumpfe wässrige Poltern dieses Denkmuskels hatte ich zuletzt bei einer Klausur in Linearer Algebra wahrgenommen, aber es schien jetzt klarer zu sein und in den langsam heftiger werdenden Rhytmus des Beins synkopierend einsteigen zu wollen. Wären die Kinder am Nachbarstuhl kleine Hunde gewesen, hätten sie jetzt versucht, in mein wippendes Hosenbein zu beißen.

Als ich bei mir dachte, dass so langsam der Klimax rhytmisch anspruchsvoller Interaktion zwischen Hirn und Bein erreicht sein solle, manifestierte sich in mir ein Bild, so dass mir die Ursache für mein autonomes Beinzucken klarer wurde. Natürlich, wieso war da vorher keiner drauf gekommen? Mein Knie war eine verzauberte Prinzessin! In Urzeiten verzaubert von einer bösen Feh fristete die Prinzessin seither geschäftig als Gelenk zwischen Ober- und Unterschenkel meines rechten Beines ihr eintöniges Dasein. Nun erweckt von der Aura des anthroposophischen Wartezimmers wurde sie hibbelig und trachtete nach Aufmerksamkeit.

Selbstverständlich war ich nicht gewillt, diese nymphomanische Range zu erlösen, ich wusste ja auch garnicht, wie. Um dem Missstand Abhilfe zu verschaffen, erhob ich mich, ging aus dem Wartezimmer auf die andere Straßenseite und bestellte rot-weiße Pommes.

Kommentare

Mirko
10.07.2005, 13.36 Uhr

Dies ist ein Beitrag aus meiner alten Webseite, den ich nicht verlieren wollte. Das alles trug sich tatsächlich so zu, und zwar WIMRE im Sommer 2003.

bLeEd
10.07.2005, 14.27 Uhr

och ne oder? muss ich das nun alles lesen? *angst*

reieRMeister
12.07.2005, 12.54 Uhr

Kafka lebt.

möp
21.09.2005, 18.52 Uhr

du Freak :o

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